Idee der Gemeinschaft

Ein gemeinsamer Raum ist ein Raum, der immer in Entstehung sein kann. Er entsteht, indem Menschen ihre Beziehungen kollektiv entwickeln.
Wenn im Kontext des Films Orte des Gemeinschaftens beleuchtet werden, verweist das auf ein solidarisches Verständnis, das auf Teilhabe an Ressourcen und kooperativen Strukturen zur gemeinsamen Gestaltung von Welt abzielt und nichts mit einem völkischen Gemeinschaftsbegriff oder ähnlichen Konnationen zu tun hat.

Der folgende Text zitiert Juliane Spitta. Sie unterrrichtet Philosophie und Politikwissenschaften in Berlin

„… Zwar hat Gemeinschaft in ihrer ambivalenten Bedeutung immer auch als kritischer Alternativbegriff zu herrschenden Ordnungsvorstellungen fungiert, gleichwohl dominiert die reaktionäre Tradition die Geschichte des Gemeinschaftsdenkens…
Der Bezug auf kollektive Identität, die eine erbauliche Sehnsucht nach Einheit und Sicherheit bedent, zählt zu den klassischen Reaktionen in Krisenzeiten. Beklagt wird der Verlust einer idealisierten Vergangenheit, die nie anwesend war und dennoch als Garant für Identität, Natürlichkeit und Ursprünglichkeit erscheinen kann. Das hat zur Folge, dass die politische Gegenwart sich in einem dauerhaften Rechtfertigungsdruck gegenüber imaginierten Einheits- und Präsenzversprechen befindet…

… Gemeinschaft wird nie in der Gegenwart gesucht, sondern als romantisches Versprechen verstanden, dass sich zwischen Verlust und Versprechen bewegt und als vergangenes, verlorenes Ideal in einer Art doppeltem Einst oszilliert. Die Spannung zwischen einer scheinbar verlorenen Gemeinschaft und dem Versprechen auf ihre Wiederkehr nährt eine Sehnsucht, die die politische Realität der Gegenwart beständig zugunsten einer Idee abwertet…

Die Auflösung tradierter Identitätsformationen ist in der globalisierten und digitalen Welt in vollem Gange: Dekonstruktion, Liberalisierung, Pluralisierung, diese schillernden Schlagworte des Plattform-Kapitalismus, versprechen Freiheit und eine neue Lebensform. Zugleich schüren sie Ängste und Unsicherheiten. So begrüßt eine globale digitale und urbane Bourgeoisie kapitalistischer Profiteure die Auflösung nationaler Kollektive, ebenso wie die Globalisierung des Weltmarkts und die Vermarktung sozialer Vernetzung. Der Enthusiasmus über jede neue Form des Teilens, die die vernetzte Community zelebriert, erscheint visionär. Die neuen Formationen der Vergemeinschaftung verbleiben aber stets innerhalb kapitalistischer Prinzipien und gehen mit einer Kommerzialisierung immer weiterer Lebensbereiche einher…

Das globale Erstarken rechts-autoritärer und national-konservativer Kräfte und die damit einhergehende erneute Idealisierung vermeintlich natürlicher gemeinschaftlicher Verbindungen, ebenso wie der Aufstieg des fundamentalistischen Islam bezeugen eine umfassende Krise kollektiver Identität, sowie politischer Ordnungsmodelle. Die reale Krise einer gefühlten aus den Fugen geratenen Welt, hat vielfältige und komplexe Gründe. Klagen über den Verlust tradierter Identitäts- und Gemeinschaftsformen gehören zu den schlechtesten Erklärungen. Neben Kriegen und regionalen Krisen ist diese Misere auf einen ausbeuterischen kapitalistischen Normalzustand zurückzuführen, der Perspektivlosigkeit, Ungleichheit, Abstiegsängste und Spaltungen, sowie einen wachsenden Überschuss an Arbeitskraft befördert und Menschen weltweit in nie dagewesene Konkurrenz setzt. Die Fronten zwischen Überflüssigen und potentiell Überflüssigen sind real. Sie sind eine Form, in der sich die soziale Frage stellt. Wo diejenigen, die noch das „Privileg“ haben, ausgebeutet zu werden, mit denen, die nur noch das nackte Leben haben, weder Ziel noch Interessen teilen, entstehen keine gemeinsamen Kämpfe, sondern Ängste und Ressentiments, die von rassistischen Scharfmachern kanalisiert werden können. Geeint wird die politische Agenda der Rechten durch einen ausschließenden, nationalistischen Bezug auf den Begriff der Gemeinschaft. Im Fokus der Kritik steht nicht etwa die globale Ungerechtigkeit der Besitzverteilung., sondern die vermeintliche Entmachtung einer nationalen Gemeinschaft…

…Vor diesem Hintergrund steht zur Debatte, ob und unter welchen Bedingungen der „offene und emanzipatorische Raum des Wir“ zurückerobert und neu definiert werden kann…“