Geschichten

Juchitan

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Juchitan, im Südwesten Mexikos, in der Provinz Oaxaca, scheint eher trist und staubig, Prachtbauten gibt es hier keine, aber das Leben der an die 120.000 Einwohner – überwiegend Zapoteken – ist ausgesprochen bunt. Juchitan ist eine für mexikanische Verhältnisse wohlhabende Stadt, obwohl es kaum Industrie gibt und keine ausländischen Investoren. Die zapotekische Kultur hat ihre Sprache bewahrt, eine matriarchal orientierte Sozialstruktur lebendig gehalten und uralte Religions- und Heilungstraditionen mit christlichen Werten verbunden. Den Wohlstand haben die Frauen geschaffen, sie bestimmen ganz wesentlich das Bild der Stadt.

Blumenverkauf vor dem Totenfest auf dem Markt in Juchitan ©Annuschka Eckhardt 2016

Wir treffen auf Blumenverkäuferinnen. Sie strömen aus der ganzen Umgebung zusammen. Eine der Verkäuferinnen ist Na Ofelia, Händlerin und Mutter zweier Töchter. Sie bietet Blüten in den Farben gelb und rot bis lila. Gelb ist die Studentenblume, hier „Cempuaxuchil“ genannt, das Wort aus der alten Aztekensprache bedeutet Totenblume. Na Ofelia macht heute gute Geschäfte. Es ist der 29. Oktober, die Vorbereitungen für Allerheiligen und Allerseelen laufen auf Hochtouren. Marta und Rosi, Na Ofelias Töchter, bereiten zu Hause den großen Hausaltar vor, der ab morgen den Toten ein strahlendes Willkommen bieten soll. Für jeden Verstorbenen stehen Kerzen bereit, die Heiligenbilder werden geputzt und die Fotos der nächsten Verwandten auf die Ehrenplätze gerückt.

Eigenständige und tatkräftige Frauen, wie Na Ofelia, betreiben Landwirtschaft und Handel, der Markt ist fest in ihren Händen. Sie bestimmen über das Geld, ihnen gehören die Häuser und für die Familien sind sie auch verantwortlich. Für sie gelten die Gesetze des freien Marktes, aber nach streng sozialen Prinzipien: Angesehen ist nicht, wer viel hat, sondern wer viel gibt. Dieses Geben geschieht öffentlich, auf eine äußerst lustvolle Art:
Man feiert gemeinsam große Feste, das ist für die Juchiteken eine Lebensnotwendigkeit. Das Register der Gemeindeverwaltung verzeichnet 628 große Feste pro Jahr. Niemand kann verhungern, weil jeden Tag mindestens ein Fest gefeiert wird, auf dem man sich satt essen kann. Kein Anlass scheint zum Feiern zu gering: Geburtstage, Hochzeiten, Feste, zu Ehren der Heiligen und Totengedenken.

Junge juchitekische Frauen in prächtiger Festkleidung ©Annuschka Eckhardt

Hunderte Gäste sind oft geladen, nicht selten kommen Tausende. Bis zu fünf Tagen dauern die „Velas“, die großen Gemeinschaftsfeste, ausgerichtet immer von einer wohlhabenden Frau, die verantwortlich ist für Speisen, Getränke, Musik und Organisation, und für sämtliche Kosten. Je prachtvoller sie das Fest gestaltet, desto höher steigt ihr öffentliches Ansehen. Lebensfreude ist für die Menschen in Juchitan das wichtigste Gut. Gleichzeitig sind die Feste eine soziale Verpflichtung, mit der die Menschen ihre Gemeinschaft fortwährend beleben und bekräftigen. Nicht zuletzt dank der Schenk-Ökonomie wird die juchitekische Wirtschaft in Schwung gehalten.

Am zweiten November zieht Na Ofelia mit ihren Töchtern beladen mit Eimern voll Blumen zum Friedhof. Aus allen Häusern strömen Menschen gelb leuchtende Blumenpacken auf den Köpfen und sogar mit Handwagen voll Blumen. Heute gilt es, die Toten wieder auf den Weg zu bringen.
Ungeheuer viele Menschen sind heute auf dem Friedhof zusammen kommen. Sie schmücken die Gräber mit frischen Blumen, allmählich fangen sie an zu tanzen. Der Abschied von den Toten auf dem Friedhof wird wieder ein lautes und lebhaftes Fest.

Eines der zahlreichen Feste, “Velas” der Stadt. ©Annuschka Eckhardt
Geschichten

Cecosesola

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Der Film führt uns in die Millionenstadt Barquisimento im Westen Venezuelas. Verbeulte Autos säuumen die Straßen, streunende Hunde suchen nach Fressbarem. Hunderte Menschen warten diszipliniert in langen Schlangen an einer großen Markthalle von Cecosesola. Sie warten darauf einkaufen zu können. Die Versorgungslage im Land ist katastrophal.

Was die aktuelle Lage anbetrifft, so wird zwar die politische Machtfrage in den Medien diskutiert, weniger jedoch die dahinterstehenden materiellen Interessen, welche langsam zum Ausverkauf des Landes führen. Dazu sind die kontroversen politischen Diskurse im Grunde genommen nur unterschiedliche Begleitmusik. Dabei kommen dann auch geopolitische und geostrategische Aspekte mit ins Spiel: sowohl die USA als auch Russland und China wollen von diesem Ausverkauf profitieren.

Einer der vier riesigen Wochenmärkte des Kooperativenverbundes in Barquisimeto ©Cecosesola

Cecosesola ist ein Netzwerk von Kooperativen. Die Mitarbeiter setzen auf Selbstorganisation, statt Rentier-Ökonomie. Sie betreiben in der Stadt zwei kleinere und drei große Wochenmärkte. Pro Wochenende werden Hunderte Tonnen Lebensmittel aus angegliederten Landwirtschaftskooperativen verkauft. In die Markthallen strömen wöchentlich 70.000 Familien um Obst, Gemüse und andere Dinge des täglichen Bedarfs einzukaufen. Ein Viertel der Stadtbevölkerung wird über die Märkte versorgt.

Vor 50 Jahren fing alles an: Als eine würdevolle Bestattung der Verstorbenen für Hinterbliebene unbezahlbar wurde, gründete eine Gruppe von kleinen Kooperativen einen Beerdigungsservice und den Dachverband Cecosesola. Mitglieder bezahlen regelmäßig einen geringen Betrag ein. Wenn ein Angehöriger stirbt, wird die Bestattung vom Beerdigungsservice ausgerichtet.

Um weiterreichender autonom und selbstverwaltet agieren zu können, bauten die Kooperativistas gemeinsam mit Landwirtschaftskooperativen Märkte auf. Inzwischen versorgen sie ein Viertel der Stadtbevölkerung mit Nahrungsmitteln. Auf Registrierkassen wird bis heute verzichtet, die Mitglieder setzen auf Vertrauen. Für ihre Arbeit bekommen die Mitarbeiter einen Einheitslohn, der wöchentlich an die Mitarbeitenden ausgezahlt wird und deutlich über dem staatlichen Mindestlohn liegt.

Moderne medizinsche Versorgung ist im Gesundheitszentrum von Cecosesola gewährleistet ©Cecosesola

Heute zählt Cecosesola 20.000 Mitglieder und bietet, neben dem Beerdigungsservice, den größten Gemüsemärkten der Stadt und Landwirtschaftsbetrieben, ein Gesundheitszentrum mit einer erst kürzlich eröffneten Geburtsstation an. Die Beschäftigten arbeiten ohne Chefs, ent- scheiden im Konsens, bewältigen die Aufgaben im Rotationsverfahren. Große und kleine Themen werden gemeinsam besprochen. In unzähligen Versammlungen entscheiden die 20.000 Mitglieder basisdemokratisch über alle wichtigen Belange. Das scheint auf den ersten Blick unmöglich. Doch wurden im Laufe der Jahrzehnte Kriterien für Entscheidungsfindungen herausarbeitet. Die lange Gesprächserfahrung ermöglicht über die vielen vernetzten Versammlungen zügig zu Konsensentscheidungen zu kommen.

Die Kooperativistas sind überzeugt: „Wir stärken den Dialog und den sozialen Rückhalt, untereinander und über Cecosesola hinaus. Das ist viel wichtiger als die ökonomischen Fragen. Erst in respektvollen Beziehungen wächst Vertrauen und aus Vertrauen entsteht das, was wir „kollektive Energie“ nennen.“

Versammlung der Kooperativistas im Grünen ©Cecosesola